Doch Sorge drückt und Angst der Nymphe Sinn,
Geheime Unrast treibt sie her und hin.
Kein junger Fürst, den in der Schlacht man fing,
Nicht stolze Jungfraun, deren Reiz verging,
Verliebte nicht, die ganz umsonst geglüht,
Nicht alte Damen, die man übersieht,
Tyrannen nicht, wenn sie der Teufel holt,
Nicht Cynthia, die mit ihrer Zofe grollt,
Ist so voll Wut, so aller Tröstung bar,
Als du, o Jungfrau, trauernd um dein Haar.
Denn damals, als der Sylphen Schar entschwand
Und Ariel weinend sich betrogen fand,
Schwang Umbriel, ein traurig finstrer Wicht,
Ein Geist, verhaßt dem frohen Sonnenlicht,
Sich in der Erde dunkle Tiefen hin
Und klopfte an im Haus der Göttin Spleen.
Auf schwarzen Flügeln schwebt der Gnome fort,
In Dunst verhüllt, und ist gar bald am Ort.
Kein sanfter Wind erquickt dies tote Land, The Cave (Beardsley)
Der rauhe Ost ist
hier
allein bekannt.
In einer Grotte, vor der Luft
geschützt, The Cave
(Du Guernier)
In die kein Strahl verhaßten Tages blitzt,
Liegt seufzend sie auf grüblerischem Bett;
Migräne wacht an ihrer Lagerstätt'.
Zwei Jungfrau stehn am Throne: gleich an Rang,
Doch nicht an Aussehn, Miene, Haltung, Gang.
Mißwollen dort, ein altes Mädchen stand,
Verknöchert, streng, im grauen Bußgewand.
Gar manch Traktat, Gesangbuch und Gebet
Birgt ihre Hand, ihr Busen manch Pamphlet.
Mit kränkelnd süßer Mien' Affektation
Heuchelt noch Rosen, die ihr längst entflohn.
Sie lispelt zart, sie hängt den Kopf zur Seit'
Und seufzt in hoheitsvoller Mattigkeit.
In einem vorteilhaften Negligé
Sinkt sie mit Anstand auf ein Kanapee.
Solch Kranksein wirkt sehr hübsch von Zeit zu Zeit,
Zumal in einem neuen Morgenkleid.
Ein ewiger Vapeur schwebt in der Luft;
Und Mißgestalten weben in dem Duft,
Schrecklich wie frommer Eremiten Traum,
Wie Mädchenphantasien, ein rosa Schaum.
Bald wälzen Teufel, Schlangen sich zuhauf,
Gespenster stöhnen, Gräber springen auf.
Bald sieht man hold Elysiums grünes Tal,
Engel mit Flügeln, Schlösser aus Kristall.
Unzählige Dinge nimmst du staunend wahr,
Durch Göttin Spleen verwandelt, wunderbar.
Ein Teetopf streckt dort einen Arm zum Gruß
Und beugt den andern (Henkel sind's und Guß).
Dreibeinig läuft ein Pöttchen kreuz und quer,
Pasteten seufzen laut, weil sie zu schwer.
Dort steht ein schwangerer Greis. Und Jungfern schaut
Als Flaschen man: nach Korken schrein sie laut.
Mit einer Zauberwurzel in der Hand
Passiert der Gnome durch dies Fieberland.
Dann spricht er: Heil, verworrene Königin,
Heil dir, des Weibervolks Beherrscherin,
Die du der Jungen und der Alten Geist
In Hysterien und Krämpfen unterweist!
Nach ihrer Art schaffst jeder du ihr Glück,
Die schluckt Mixturen, jene schreibt ein Stück.
Die Stolze zweifelt, wen sie heut besucht,
Die Fromme seufzt, weil alle Welt verrucht.
Nur eine gibt es, Spleen, die dich verlacht
Und Tausende entfremdet deiner Macht.
Doch, o, hat je dein Gnome ausgesät
Die Pickelnsaat auf holder Wangen Beet,
Hat je er alter Damen Komplexion
Beim Spiel erhitzt zu blauem Purpurton,
Jemals ein Haupt gekrönt mit luftigem Horn
Und ohne Grund erreget Streit und Zorn,
Hat je er einer Prüden, die toupiert,
Die Pracht des keuschen Lockenbaus verwirrt,
Dem teuren Schoßhund Krankheit zugeweht,
Die nicht durch Tränen und Arznei vergeht,
Hör mich, und rühr Belinden an mit Spleen:
Durch sie hat dann die halbe Mitwelt ihn.
Die Göttin zeigt ein mißvergnügtes Air,
Verweigerung scheint's, doch deutet es Gewähr.
Sie nimmt 'nen Beutel, schnürt ihn zu geschwind,
Gleich dem, darein Odysseus band den Wind.
Drin sammelt sie der Weiberlunger Kraft,
Seufzer und Schluchzen, Glut und Leidenschaft.
Dann füllt sie einen Krug mit Angst und Wut,
Schmelzendem Kummer, sanfter Tränenflut:
Der Gnome trägt die Gaben freudig fort,
Entschwebt und ist alsbald am rechten Ort.
Er fand die Nymphe weinend voller Harm,
Gelösten Haares, in Thalestris' Arm.
Den vollen Beutel schüttet schnell er aus;
Und alle Furien streben vor mit Braus.
Ganz übermenschlich brennt Belindas Wut,
Thalestris fächelt eifernd noch die Glut.
O Arme, ruft sie, welch ein Mißgeschick!
O Arme! (Hamptons Echo ruft's zurück.)
Hat also sich dein vielfach Mühn gelohnt,
Daß Nadel, Kamm, Essenz du nicht geschont?
Du bandest deine Locken in Papier,
Du branntest sie. Was half es, Ärmste, dir,
Daß du die Stirn in Bänder eingefaßt
Und tapfer trugst des Bleis zweifache Last?
Ihr Götter! Weist er seine Beute keck
Zum Neid der Stutzer, zu der Damen Schreck?
Verhüt es Ehre, sie, vor deren Schild
Vergnügen, Ruhe, Tugend, nichts uns gilt.
Mich dünkt, ich sehe deine Tränen schon
Und höre rings der Flüsterstimmen Hohn.
Die Erste einst, sinkst du von Stuf' zu Stuf';
In jedes Munde liegt dein guter Ruf.
Nichts fällt mir, Ärmste, dir zur Rettung ein,
Bald heißt es Schande, diene Freundin sein.
Nein, eh den Preis, den unschätzbaren Preis
Er hinter Glas erstaunten Augen weis',
Eh er an jenen frechen Händen sitzt,
In Gold gefaßt, von Demantstein umblitzt,
Er wachse Gras in Hydepark-Zirkus' Sand
Und ziehen unsere Wits aufs platte Land,
Eh kehr ins Chaos heim entsetzten Falles
Mensch, Affe, Schoßhund, Papagei und alles!
Sie spricht's. Und wütend eilt sie zu Sir Plume:
Rückfordern soll er jenes Hauptes Ruhm,
(Sir Plume, auf seine Tabaksdose stolz
Und den Spazierstock aus ostindischem Holz).
Mit rundem Blick und ernsthaftem Gesicht
Klappt Augen er und Dose auf und spricht,
Spricht? Nein, er ruft: Mylord, wie? Was? Zum Teufel?
Verdammt, die Lock'! Verflucht! Da ist kein Zweifel!
Zum Henker, 's ist kein Spaß! Nein, bitte, Pest!
Gebt her das Haar!--Ein Niesen ist der Rest.
Wie schade, daß ein Mann, der gar so wohl
Zu reden weiß, vergeblich reden soll,
(Sprach der Baron) doch schwör' ich, dieses Haar
Nimmt nie den Platz mehr, der ihm eigen war,
Schmückt niemals mehr das liebenswürdige Haupt,
Dem meine Schere eben es geraubt.
Nun ist, solang ich lebe, seine Statt
Auf dieser Hand, die es gewonnen hat.
Er sprach's und hielt des Frevels schönen Lohn,
Die Locke hoch empor mit stolzem Hohn.
O, Umbriel, böser Gnom, ist's nicht genug?
War's nötig?--Er zerbricht den Tränenkrug.
Die Nymphe nun ganz hingeschmolzen scheint,
Ein Auge schmachtet und das andre weint.
Auf ihren Busen lehnt sie das Gesicht,
Indes sie seufzt, und seufzend also spricht:
Für immer werde dieser Tag geschmäht,
Da meine liebste Locke von mir geht!
Wie hätt ich können zehnmal glücklich sein,
Vermeidend Hampton-Court und Pracht und Schein!
Doch bin ich nicht die erste, die sich irrt,
Und der die Luft des Hofs zum Schaden wird.
Ach blieb ich doch in Frieden, unbekannt
Und unbewundert, draußen auf dem Land,
Wo keine golden Kutschen man begrüßt,
Wo niemand L'hombre spielt und Tee genießt.
Dort lebte ich zufrieden im Gemüt,
Dem Veilchen gleich, das im Verborgnen blüht.
Ja, bleib' zu Haus und spreche dein Gebet,
Und hab' mit jungen Lords kein Tete-a-tete!
Wo war denn heute morgen nur mein Sinn?
Dreimal fiel mir die Puderquaste hin,
Die Vase krachte laut, ich war erstaunt.--
Poll saß ganz stumm; und Shock war schlecht gelaunt.
Auch kam ein Sylphe, schwebte um mein Haupt
Und warnte mich. O, hätt' ich ihm geglaubt!--
Sieh dieser Haare tristen Überrest!
Zerstört ist das selbst, was du übrigläßt.
Wo ist sie nun, die einst in schwarzem Ring
Auf diesen weißen Nacken niederhing?
Die andre Locke, traurig anzusehn,
Blickt nach der Schere schon, bereit zu gehn.
Sie weiß, ihr wird--was soll sie denn allein?--
Ein schwesterlicher Tod beschieden sein.
Abscheulicher! Was nahmst du dir kein Haar,
Das etwas weniger zu sehen war!