FÜNFTER GESANG

Sie spricht. Das ganze Auditorium weint.
Nur nicht der Lord. Ihn hat ein Gott versteint.
Vergebens, daß Thalestris ihn beschwört,
Ihn, der nicht einmal auf Belinden hört.
Nicht blieb Äneas, als er Abschied nahm,
Halb so verstockt vor Didos Liebesgram!
--Doch mit dem Fächer winkt Clarissa jetzt
Und spricht zu allen würdig und gesetzt:

Saßt, was verleiht der Schönheit solche Macht,
Daß sie aus Narr'n und Weisen Schwärmer macht?
Daß ihrethalb man Land und See beraubt,
Und ihr wie einem Engel Gottes glaubt?
Was macht die Beaux um unsre Sänfte stehn
Und durch Lorgnons nach unsre Logen spähn?
All dieser Ruhm ist eitel und gemein,
Fehlt die Vernunft in unserm Glorienschein,
Wenn nicht ein jeder unsrer Freunde spricht:
An Seele ist sie schön, wie an Gesicht.
Ja, wären Kleider, Masken, Tanz und Fest
'ne Panacee für Alter und Gebrest,
Wer lebte nicht mit Recht in Saus und Braus
Und lachte die besorgte Hausfrau aus?
Zu Balle ging' die Frömmste jede Nacht;
Und etwas Rouge würd keiner mehr verdacht.
Nun aber, da die Schönheit doch entweicht,
Und da das Schwarz der schönsten Locke bleicht,
Der Teint--gemalt und nicht gemalt--verdirbt,
Und mancher Star als alte Jungfer stirbt,
Ist's nur die gute Laune, die uns frommt,
Wenn uns mal etwas in die Quere kommt.
Ja, glaubt es mir, Humor siegt da noch leicht,
Wo Schreien, Krämpfe, Ohnmacht nichts erreicht.
Umsonst, daß Schönheit augenrollend kriegt:
Der Reiz besticht, doch nur die Klugheit siegt.

Die Dame sprach. Doch folgte kein Applaus.
Belinda trotzt. Thalestris lacht sie aus.
Auf, auf zur Rache! Die Virago schreit's;    The Battle (Beardsley)
Und sieh, das Feld entwickelt sich bereits.
Man trennt sich in Partei'n, beginnt die Schlacht.    The Battle (Du Guernier)
Der Fächer klappt, das zähe Fischbein kracht,
Heroen und Heroinen selbst toben laut,
Daß vor dem Lärmen selbst dem Himmel graut.
Sie führen Waffen äußerst sonderbar,
Sind unverwundlich, wie der Götter Schar.

So schildert uns Homer die Götterschlacht.
Wenn--Menschen gleich von Leidenschaft entfacht--
Mit Pallas Mars, mit Leto Hermes ringt
Und den Olymp in Schreck und Aufruhr bringt.
Laut donnert Jupiter. Der Äther bebt,
Indes Neptun sich aus den Wogen hebt.
Die Erde wankt; und ihre Rinde bricht;
Und blasse Geister steigen auf ans Licht.

Auf einem Sims sitzt Umbriel, der Wicht.
Vor Bosheit strahlt sein teuflisches Gesicht.
Die Geisterschar gibt rings auf alles acht
Und fördert wirksam überall die Schlacht.

Dort bricht Thalestris durch die Reih'n voll Mut
Verderben strahlt aus ihrer Augen Glut.
Am Boden liegen schon ein Beau und Wit.
Der stirbt im Gleichnis, jener stirbt im Lied.
Grausame Nymphe, du zerbricht mein Herz!
Rief Dapperwit und sank in Liebesschmerz.
Sir Fopling blickt noch einmal schmachtend hoch:
Die Augen sind's, die töten, sang er noch.
So liegt ein Schwan, wo sich Mäander schlingt,
Auf Blumenaun, und stirbt, indem er singt.

Drauf zog Sir Plume Clarissen in den Staub,
Doch ward er Chloens strengem Blick zum Raub.
Sie lächelte, da sie ihn hingestreckt:
Dies Lächeln hat ihn wieder aufgeweckt.

Doch nun wägt Zeus auf seinem Richtersitz
Die Weiberlocken gegen Manneswitz.
Lang schwankt das Zünglein prüfend hin und her.
Des Witzes Schale steig: denn Haar wiegt schwer.

Wohlan, Belinda stürzt auf den Baron
Mit Mienen, welche Tod und Rache drohn.
Nicht fürchtet sich der Held, sie zu bestehn,
Er wünscht vielmehr, den Fiend recht nah zu sehn.
Doch sie besiegt den Lord (man glaubt es kaum)
Mit einem Finger und mit einem Daum.
Tief in den Sitz von Atem, Ruch und Schmack
Wirft sie ihm eine Prise Schnupftabak.
Die Gnomen wachen, daß die Prise frommt
Und jedes Stäubchen voll zur Wirkung kommt.
Er starrt, er stutzt. Er wankt, sein Auge fließt;
Und das Gewölb gibt Echo, da er niest.

Jetzt, rief Belinda, nimm dein Schicksal wahr!
Und zog sich eine Nadel aus dem Haar,
Ein Kleinod, das als schwerer Siegelring
Einst an der Kette ihres Urahns hing.
Dann schmolz ihn seine Witfrau um; und lang'
Trug sie am Kleid ihn vorn als Gürtelspang'.
Als Kinderklapper dient's der Ahnin dann,
Mit einem Pfeifchen und mit Schellen dran.
Belindas Mutter trug's als Nadel schon;
Und diese Nadel droht jetzt dem Baron.

Der rief: Frohlocke nicht ob meiner Qual,
Es kommt der Tag, da kommst auch du zu fall.
Auch fürcht ich nicht mein tödliches Geschick!
Dies fürcht ich nur: du bleibst allein zurück.--
Drum laß mich--willst du Rache--dir zu Füßen
In Liebesflammen, doch lebendig büßen.

Der Locke her! Ruft sie--und überall
Ertönt's: Die Locke her! im Widerhall.
Nicht rief Othello mit so lautem Fluch
Nach Desdemonas Spitzentaschentuch.
--Doch seht, oft stritten blinde Kämpfer schon
Um einen Preis, der beiden längst entflohn.
So ist's auch hier. Die Locke viel beschrien
Bleibt unauffindbar jeglichem Bemühn.
Wie man sich unter Tisch und Schränke bückt,
Sie ist und bleibt--wie durch Magie--entrückt.

Man glaubte erst, sie wäre auf dem Mond,
Wo alle Eitelkeit der Erde wohnt.
Dort steht der Helden Witz in Vasen groß
(Mit Reichflakons begnügen sich die Beaux)
Gebrochene Treu, Gebete, wenn man krank,
Und Herzchen, die ein rosa Band umschlang,
Hofmannes Wort, blind' Spiegelglas zerkracht,
Was Erben weinen, was die Hure lacht,
Das lagert hier, gedörrter Schmetterling,
Traumbücher, Mückenfett und sonst manch Ding.

Doch schnellen Auges nahm die Muse wahr,
Wie gradenwegs gen Himmel flog das Haar.
(So schwand Roms Gründer einst zu klaren Höhn,
Von Proculus allein dabei gesehn.)
Durchs Blau schoß plötzlich hell in goldnem Schein
Ein Stern, mit langem Haarschweif hinterdrein.
Nicht Berenicens Haar erstrahlt so mild,
So voller Glanz am himmlischen Gefild.
Die Sylphen alle sehn's mit Staunen an
Und folgen freudig der verklärten Bahn.

Bald sieht die schöne Welt ihn auf Pall Mall
Und grüßt mit Serenaden seinen Strahl,
Bis ihn als Venus der Verliebte ehrt
Und bei dem Blinzeln seines Lichtes schwört.
Der Hexenmeister Partridge nimmt ihn wahr,
Durchs Fernrohr schauend, wenn die Luft ganz klar
Und wird hieraus--wie könnt es anders sein?--
Den Fall von Rom und Frankreich prophezein.

Drum, schöne Nymphe, weine nicht und glaub,
Zum Ruhme ward dir dieser Lockenraub.
Gar manche Locke glänzet schwarz und schön.
Doch hat man eine so erhöht gesehn?
Glaub, wenn dein Blick viel tausend Wunden schlug,
Und--spät erst--dir das Schicksal sagt: Genug,
Wenn diese beiden Sonnen untergehn,
Und diese Locken mit dem Staub verwehn,
Nimmt noch die Muse ihres Amtes wahr:
Und unter Sternen strahlt Belindas Haar.



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